NKI Blog: Thesen und Gedanken zu Design-Prozessen im Markenaufbau und Branding

Plädoyer: Mehr Mut in Design-Prozessen

Karsten Binar Marke

Mut ist der Klebstoff in Design-Prozessen, die etwas verändern. Mit einem visuellen Erschei­nungsbild jenseits des Mittel­maßes, aber auch in der eigenen Philo­sophie, Kommu­ni­kation und dem Willen, mitein­ander neue Wege zu gehen. Sich für einen Weg zu entscheiden ist mutig. Genauso mutig ist es, in unklaren Situa­tionen Design-Fragen zu vertagen. Mut auf dem Weg zur Lösung hilft an vielen Stellen. Uns selbst – und auch den Unter­nehmen mit dem Willen zur Verän­derung. Ein Plädoyer.

Mut lohnt sich 

In Design-Prozessen gibt es kein Richtig oder Falsch. Mut heißt, sich für den Prozess zu öffnen und diese Zusam­men­hänge verstehen zu wollen. Mit Mut sieht man Dinge, die man nicht erwartet hat und die schwierig oder riskant sind. Mit etwas Mut wird man nämlich auch Dinge sehen können, die der eigenen Erwartung genau entsprechen oder sogar noch besser sind.

 Vergesst die Sicher­heits­gurte

Die gibt es im Flugzeug. Auch dort funktio­nieren sie nur in der Fantasie. Wer Angst vorm Fliegen hat, nimmt eine Pille oder steigt gar nicht erst mit ein. Wer das Risiko aber eingeht, kommt schneller ans gewünschte Ziel. Das gilt auch im Design-Prozess. Wenn zu viel Angst im Spiel ist, kommen Zweifel und Zweifler, und das Projekt ist im Problem­modus. Hier hilft die Frage: Wessen bist du dir sicher? Es braucht den Mut, etwas mitzu­gehen und zu wissen, wessen man sich sicher ist. Unsere Erfahrung: Ist der richtige Zeitpunkt da, braucht der Kunde kein Sicher­heitsnetz mehr.

Es tut weniger weh als ihr denkt

Ja, Verän­de­rungen tun immer auch weh. Man braucht den Mut zur Lücke, zum Umweg oder auch zum großen Sprung. Anders als beim Fliegen aber fällt man dabei nie ins Bodenlose. Am Ende gibt es immer eine Lösung, einen Konsens. Und nach spätestens sechs Monaten ist das alte Logo vergessen. Vom Kunden. Und intern auch vom vorab lautesten Zweifler. Versprochen.

Vergesst Eure Sicher­heits­gurte! Plädoyer für mehr #Mut in #Design-Prozessen von @binarberlin Klick um zu Tweeten

 Schaut nicht nur auf die anderen 

Gerade mittel­stän­dische Unter­nehmen gucken sich ihre Mitbe­werber an und denken, dass sie sich an den äußeren Fakten orien­tieren müssen. Aber im Grunde werden sie davon erst recht orien­tie­rungslos. Sie geben die Orien­tierung ab an andere. An ein Bild, das sie haben von dem Markt, von Umfeldern, Meinungen oder Statis­tiken – und deren Erwar­tungen sie glauben erfüllen zu müssen. So entsteht vielleicht eine gute Kopie, aber keine Allein­stellung.

Schaut auf euch selbst

Der mutige Fokus auf das, wessen man sich sicher sein kann: die Prägung, der Wesenskern, die eigenen Ziele. Und der Glaube daran, dass das, was man selbst gut findet und was man auch nach außen vertreten kann, immer auch von anderen gemocht werden wird. Wenn Unter­nehmen sich selbst verstehen, dann wird auch jeder außen sie verstehen. Dieses Selbst­ver­ständnis, eine selbst­be­wusste Haltung und der Weg von der inneren Philo­sophie hin zum äußeren Erschei­nungsbild sind das Wichtigste überhaupt in guten Design-Prozessen.

Schreibt mutige Briefings

Beschreibt mehr das Eigene anstatt die Umwelt. Ein Briefing, das sich liest wie „Wir sind …“, „Wir haben …“, „Wir möchten …“ ist zielfüh­render als „Der Markt ist …“ oder „Die Konkurrenz ist …“. Nennt realis­tische Ziele, die auch in Richtung Zukunft etwas heraus­for­dernd sind. Es ist gut, wenn ein Unter­nehmen sagen kann „Das sind wir zwar noch nicht, aber da wollen wir hin“,  oder „Wir können das noch nicht leisten, weil …, aber wir arbeiten daran, dass wir es können“. Das eigent­liche Ziel sollte für sich stehen und nicht zwischen vielen Zwischen­zielen verschwimmen.

 Denkt ganzheitlich

Design ist eine Ausdrucksform, die stark über das Optische hinausgeht. Alle einzelnen Gewerke eines Unter­nehmens müssen am Ende enger zusam­men­ar­beiten. In einem guten Design-Prozess finden alle Stimmen Gehör, zum Beispiel auch aus dem Vertrieb oder der Produktion, die man früher nicht wahrge­nommen hat, weil die Wertschöp­fungs­kette linearer war. Welche Perspek­tiven hilfreicher als andere sind, gilt es heraus­finden. Diese Vielfalt aber erst einmal zuzulassen, hat etwas mit Verant­wortung, Sorgfalt und Qualität zu tun.

 Kreatives Chaos sorgt für Eingrenzung

Designer präsen­tieren auch mal etwas komplett Neues oder anderes. Etwas, das nicht erwartet wird und überrascht. Wir müssen genauso mutig sein wie die Kunden, Mut zur Lücke haben, nachbohren oder provo­zieren. Um Denkrich­tungen aufzu­rütteln. Auch als Designer legt man sich besser nicht schnell fest, sondern kommt zum Beispiel mit einer Farbe, die gar nicht gebrieft wurde. Das bringt das Denken durch­ein­ander. Überhaupt muss kreatives Chaos erst einmal sein dürfen, um auch zu sehen, welche Dinge vielleicht wirklich nicht gehen. Um zu erkennen: Wie weit können wir gehen? Wo sind Grenzen? Oder: Welche Grenzen gibt es vielleicht gar nicht?

 Traut Euch, groß zu werden

Mutig ist, wenn ein Unter­nehmen bereit ist für Verän­de­rungen und sich nicht zufrie­dengibt mit dem, was ist. Für Mittel­ständler ist das häufig ein großer Kampf, den Sprung in eine größere Zukunft gestalten zu müssen. Sie müssen sich über mehr Gedanken machen als darüber, wie das nächste Logo aussieht oder ob sie Global Player sein wollen. Gedanken darüber: Was heißt das dann für unsere Mitar­beiter? Wie gehen wir dann mit ihnen um? Wie betrifft das unsere Philo­sophie? Was ist mit Angst? Wo liegen Wider­stände? Was macht einen Global Player eigentlich auch sympa­thisch?

 Design-Prozesse sind niemals basis­de­mo­kra­tisch. Zum Glück.

Ein gutes Design ist nicht automa­tisch gut, weil es von allen gut gefunden wird. Real ist, dass ein mutiger Mensch auf Führungs­ebene den Weg entscheidet. Und das ist auch gut so. Die Aufgabe gegenüber der Beleg­schaft aber ist, Ängste zu nehmen und nicht einfach zu sagen: „Jetzt verändern wir uns mal.“ Unsere Erfahrung: Je besser Mitar­beiter auf den neuen Weg vorbe­reitet werden und dieser intern kommu­ni­ziert wird, desto schneller wird er angenommen.

 

hat nach seiner Zeit als On-Air Designer beim WDR in Köln als Art Director bei DMC in Hamburg die Entwicklung der Corporate Designs u. a. für die ARD und Das Erste, NDR und RBB begleitet. Parallel hat er die Visuals für Ex-Kraftwerk Mitglied Karl Bartos entwi­ckelt und als Video­re­gisseur während der Live-Shows mitge­wirkt. Als Leiter des Design­teams verant­wortete Karsten das ARD Aktuell Design im Ersten, das 2014 on-air ging. Gemeinsam mit seinem Bruder Andreas entwi­ckelt und begleitet er als Creative Art Director aktuell Branding- und Design­pro­zesse. Web: BINAR DESIGN